Das Rockharz 2026 machte den Verkehrslandeplatz Asmusstedt bei Ballenstedt vom 1. bis 4. Juli wieder zum Treffpunkt der Metal-Familie. Über 50 Bands auf zwei gleichwertigen Bühnen, dazu bestes Festivalwetter mit nur einer kurzen nassen Abkühlung – viel mehr geht nicht. Einzig der Wind meinte es zeitweise etwas zu gut mit dem Gelände. Wir waren mit der Kamera dabei und blicken zurück auf vier Tage am Fuße der Teufelsmauer. Schon beim Einlass war klar: Hier will niemand nur zuschauen.
Mittwoch: Regen zum Auftakt, Ausnahmezustand am Abend
Der erste Tag begann nass und drehte dann komplett. Nach dem Schauer stand die Sonne, und den Auftakt machten Heavysaurus mit Dino-Metal für die jüngsten Festivalgäste. Danach übernahmen Soulbound. Die Bielefelder um Sänger Johannes „Johnny“ Stecker nennen ihren Sound selbst Melodic Industrial Metal: harte Riffs, stampfende Rhythmen, dazu Synthies. Bemerkenswert war weniger die Musik als die Uhrzeit. Das Infield war bei Band Nummer zwei bereits gut gefüllt. Soulbound nutzten die Gelegenheit und brachten das Thema psychische Erkrankungen auf die Bühne, bevor „Insane“ startete. Seid füreinander da, lautete die Botschaft. Mit der Ballade „Heartless“ zeigten sie danach die ruhigere Seite, mit „Alive“ und fünf Minuten Zugabe die brachiale. Einziger Kritikpunkt: Die Lautstärke ließ noch zu wünschen übrig, Ohrstöpsel brauchte an diesem Nachmittag niemand.
Dann kippte die Stimmung ins Dunkle. Harakiri for the Sky eröffneten mit „Calling the Rain“, und die Österreicher machten ihrem Ruf alle Ehre. Schwer, schwarz, dazu diese melodischen Gitarrenlinien von Matthias „M.S.“ Sollack, der zwischen Melancholie und Aggression pendelt und dabei völlig entspannt wirkt. The Haunted antworteten mit schwedischem Thrash: brutale Riffs, Shouts im Sekundentakt, dazu der erste Moshpit des Tages.
Mit Ensiferum kam der erste große Gute-Laune-Moment. Die Finnen nahmen das Infield in Richtung Odins Reich mit, „Token of Time“ vom Debütalbum genauso im Gepäck wie „Fatherland“, das den nächsten Pit eröffnete. Offiziell waren es 23 Grad, gefühlt eher 30. Bassist Sami Hinkka feierte mehr als er spielte, sprang von der Bühne und steckte die halbe Menge an. Spätestens bei „Lai Lai Hei“ gingen die ersten Crowdsurfer auf Reisen. Und für die Met-Fraktion gab es „One More Magic Potion“.
Das Highlight des Tages kam zur goldenen Stunde. Paradise Lost spielten bei Abendsonne, und die Death-Doom-Gothic-Instanz aus Halifax nutzte jede Minute davon. Nick Holmes wirkte bestens aufgelegt, plauderte mit der Menge und trieb sie an. Gregor „Greg“ Mackintosh setzte darüber seinen sofort erkennbaren Gitarrenton. „One Second“, „The Last Time“ und „Faith Divides Us – Death Unites Us“ forderten reihenweise Stimmbänder, das „Smalltown Boy“-Cover brachte jeden Fuß in Bewegung, und „Ghosts“ machte den Rest. Ein Set ohne Schwachstelle.
Danach war die Marshall-Wand nicht zu übersehen: Black Label Society. Zakk Wylde eröffnete mit „Funeral Bell“ und packte eine Stunde voller tief gestimmter Riffs und ausufernder Soli aus. Mit „No More Tears“ setzte er seinem langjährigen Weggefährten Ozzy Osbourne ein Denkmal. Großes Licht, große Gesten, große Wirkung.
Headliner des Abends waren Helloween. Zwei Stunden, Videowall, LED-Schlacht und eine Best-of-Setlist quer durch vier Jahrzehnte – die Kürbisköpfe sind mit ihrer 40 Years Anniversary Tour unterwegs und feierten das Jubiläum entsprechend. Bei „Future World“ von 1987 sang das Infield geschlossen mit. Michael Kiske und Andreas Deris teilten sich das Mikro, ohne dass ein Bruch hörbar wurde. Zum Schluss sorgte das Feuerwerk dafür, dass niemand fröstelnd ins Zelt musste.
Den Schlusspunkt setzten Steve ’n‘ Seagulls. Die Finnen zerlegten Klassiker von Iron Maiden und anderen Rock-Größen mit Banjo und Akkordeon und schickten die Nachteulen bestens gelaunt in die erste Festivalnacht. Einen besseren Ausklang hätte es kaum geben können.
Donnerstag: Fünfzehn Bands, ein Marathon
Tag zwei war der erste volle Festivaltag und startete früh. Eröffnet wurde er von Final Cry aus dem Weserbergland – und damit von einem alten Bekannten. Sänger Kai Wilhelm kümmert sich beim Rockharz sonst um Presse und Fotografen, an diesem Mittag stand er selbst davor – der Stimme war die Aufbauwoche deutlich anzuhören. Kurios dabei: Trotz seiner Arbeit fürs Festival war es der allererste Auftritt der Band auf der Rockharz-Bühne. Das Infield war entsprechend gut gefüllt. Melodic Thrash/Death Metal, glühende Gitarren, Doublebass bis in die Magengrube. Nebenbei setzte die Band gleich zwei Zeichen: Die Merch-Einnahmen gingen als Spende an das vom Wasserschaden getroffene Label Hot Shot Records, und die Fotografen durften ausnahmsweise das komplette Set im Graben bleiben. Zum Schluss gab es ein trockenes „Tschüsss“. Heimspielgefühl.
Danach wurde es mittelalterlich. Die Habenichtse aus Hannover brachten bunten Klamauk mit, getragen vom Akkordeon von Ronja und einer lebenden Animationspuppe. „Urlaub im Mittelalter“ und „Flaschenkind“ zeigten, dass sich die Band selbst nicht zu ernst nimmt – und plötzlich stand das halbe Infield da. Belohnt wurde das mit einer feuchtfröhlichen „Schorle of Death“. Mittel Alta drehten das Prinzip weiter: Mittelalter mit Beats und Rap. Klingt nach Unfug, funktioniert aber. Mit „Auf dem Dorffest“ startete die Band direkt mit einem Circle Pit, während ein Harlekin und ein Mönch über die Bühne fegten. „Gelber Schein“ wurde samt Flagge gehuldigt, „Der Chef ist tot“ lieferte das Statement zum Arbeitsleben.
Der Kontrast danach hätte kaum größer sein können. Hagane heißt der japanische Stahl, aus dem Schwerter geschmiedet werden – und ebenso die Power-Metal-Band aus Tokio, die hier ihr Deutschland-Debüt feierte. Die Nervosität war anfangs zu spüren, verflog aber schnell. Sängerin Nagi und ein wuchtiger Bass brachten das Infield zum Beben, dazu leuchtend bunte Samurai-Gewänder. Die Texte verstand im Infield kaum jemand – geschadet hat es der Wirkung nicht. Stahlmann lieferten danach die erste Feuershow des Tages: Neue Deutsche Härte in Schwarz, „Adrenalin“ als Auftakt, bei „Hass mich“ übertönte der Chor aus der Menge fast die Bühne.
Sagenbringer nahmen die Menge mit in ihre Sagenwelt. Der norddeutsche Pagan Folk Metal erzählte Geschichten zwischen den Welten, und der auffrischende Wind trug sie gleich weiter über das Gelände. „Walpurgisnacht“, „Der MetDrache“ und „Blutmarsch“ saßen, „Die Reiter Rohans“ gab einen Ausblick auf die kommende EP. Für die Band war es vorerst der letzte große Auftritt – ein würdiger Abschluss.
Dogma brachten danach eine der auffälligsten Inszenierungen des Tages auf die Bühne. Die Italienerinnen spielen mit religiöser Ikonografie, treten im Nonnen-Look auf und setzen konsequent auf große Gesten. Musikalisch ging es massiv und stellenweise progressiv zu. Die Sängerin überraschte mit deutschen Ansagen, was das Infield hörbar goutierte. Zum Abschluss gab es eine eigene Version von „Like A Prayer“. Für Fotografen war der Auftritt ein Fest.
Danach übernahmen Warmen und sorgten für Erholung im besten Sinne. Die Finnen um Janne „Warman“ Wirman, früher Children of Bodom, mit Petri Lindroos von Ensiferum am Mikro sprachen offen davon, außerhalb Finnlands noch nie vor so vielen Leuten gespielt zu haben. Die Doublebass ging bis ins Mark und blieb dabei melodisch. Ähnliches Genre, anderes Land: Decapitated aus Polen legten direkt aggressiv los. Der Circle Pit ließ nicht lange auf sich warten, Crowdsurfer wurden über die Menge geweht, und der Wind verdrängte langsam die Sonne. Passte zum Sound.
Stürmisch blieb es auch bei Betontod. Die Punkrocker aus Rheinberg starteten standesgemäß mit Sirenen und „Zeig dich!“. Bei „Ich nehme dich mit“ grüßte Nena aus der Ferne, und die Betontod-Flaggen im Infield wehten trotz einsetzenden Regens hartnäckig weiter. Agnostic Front ließen sich davon erst recht nicht beeindrucken. Zur Begrüßung lief „New York, New York“, dann krachte der New Yorker Hardcore direkt in den ersten Circle Pit. Vinnie Stigma und Roger Miret sehen deutlich jünger aus, als es die Bandhistorie seit den frühen Achtzigern vermuten lässt. Am Ende wehte nur noch ein laues Lüftchen – die Regenwolken hatten das Weite gesucht.
Bei Dominum tanzte dann so mancher Magen mit. Felix Heldt alias Dr. Dead scharte seine Zombies um sich und dirigierte das Infield mit einer Mischung aus Nachdruck und Höflichkeit, der sich kaum jemand entzog. Zur Belohnung gab es ein „Thriller“-Cover mit harten Riffs. Passenderweise erschien einen Tag später ihr drittes Album „Night is Calling“. Avatar aus Göteborg hatten es danach nicht leichter, machten aber alles richtig. Johannes Eckerström, der an diesem Tag Geburtstag feierte, riss das Infield allein mit Mimik und Gestik mit. Klarer Gesang und Growls im Wechsel, tief und schwer, dabei erstaunlich tanzbar. In der Abenddämmerung kam eine Lightshow dazu, in deren Zentrum der Bandschriftzug prangte.
Headliner des Abends war Alice Cooper – und der begann ohne großes Brimborium. Bühne, Videowand, los. Routiniert, fast bodenständig, dafür mit dem vollen Paket an Klassikern: „No More Mr. Nice Guy“, „Dirty Diamonds“, „Hey Stoopid“, „Feed My Frankenstein“ und natürlich „Poison“. Textsicherheit im Infield garantiert.
Den Schlusspunkt setzten danach Hämatom, die kurzfristig mit Dominum die Slots getauscht hatten und den Donnerstag mit Neuer Deutscher Härte beschlossen.
Freitag: Von Country bis Hardcore – und ein Abriss zur besten Zeit
Den Freitag eröffneten Rodeo 5000 mit verrücktem Country-Folk-Rock und Landleben-Klamauk. Die Band hatte die Nacht durchgemacht und trotzdem Lust auf Randale mit den Frühaufstehern. Bei „Splitternackt im Pickup Truck“ nahm die Crowd den Titel offenbar als Aufforderung: reihenweise flogen die Shirts über die Köpfe. Haggefugg aus Köln setzten den Ton fort, nur mit Dudelsack: energetischer Mittelalterrock, ein gut gefülltes Infield und bei „Robin Hood“ Goldtaler ins Volk. Danach kochte der „Hexenkessel“. Auch Rauhbein gehörten zum Freitagsprogramm: raue Deutschrock-Kante mit Irish-Folk-Einschlag und deutschen Texten.
Motorjesus aus Mönchengladbach quirlten mit ihrem Bass erst einmal das Frühstück durch. Ob der Wind es dabei zu gut mit dem Schlagzeug meinte, blieb offen. Bei „Fist of the Dragon“ waren Karatefäuste gefordert, die das Infield gern lieferte, spätestens bei „Hellbreaker“ war auch der Letzte wach. Anschließend wurde es düster: Cypecore aus Mannheim nahmen die Menge mit in ihre postapokalyptische Welt. Kraftvolle Riffs, ordentlich Doublebass, tiefer Gesang. Man hatte das Gefühl, hier warne gerade jemand vor dem Unausweichlichen.
Dann endlich Hiraes. Die Death Metaller aus Osnabrück um Britta Görtz stürmten die Bühne, und Görtz hatte hier noch etwas gutzumachen: Im Vorjahr stand sie beim Rockharz für den erkrankten Heaven-Shall-Burn-Sänger Marcus Bischoff auf der Bühne, diesmal mit der eigenen Band. Ihr Mix aus Growls und klarem Gesang zog alles in den Bann, dazu Bässe bis in die Eingeweide. Zum Schluss gab es Extraschicht für die Fotografen im Graben: Görtz sprang mit Gitarrist Olli kurzerhand in die Menge und machte sich zum Auge eines rasenden Circle Pits.
Gothminister aus Norwegen brachten danach die Beine in Bewegung. Kräftiger Gitarrensound, rhythmische EBM-Elemente, markante Keys und atmosphärische Streicherparts – ein Abriss zum Tanzen. Walls of Jericho drehten den Schalter sofort wieder um. Sängerin Candace Kucsulain growlte sich wütend durch das Set und war dabei alles andere als leise. Was für eine Energie. Im Circle Pit rannte sogar ein Minion um sein Leben. Am Ende: ein höfliches „thank you“ von der Frontfrau.
Nach dem Wutanfall ging es zurück zur guten Laune. Fiddler’s Green aus Erlangen brauchten keine fünf Minuten, bis sich der erste Crowdsurfer seinen Weg durch das Menschenmeer bahnte. Spätestens bei „Down – Bella Ciao“ hatten die Folk-Rock-Punks das Infield fest im Griff. Pünktlich um 17:55 Uhr hieß es dann „Volle Kraft“ voraus: Die Apokalyptischen Reiter luden zur Reitermania. Ihre Vielschichtigkeit erklärt die große Fangemeinde, und das Infield war entsprechend voll. Crowdsurfer trieben wie kleine Schiffchen durch die Abendsonne, dazu eine steife Brise, die zeitweise einem Sturm gleichkam. Sänger Daniel „Fuchs“ Täumel wechselte souverän zwischen Kapitän, Priester und Seemann. Ahoi.
Biohazard stiegen zum Rocky-Sound in den Ring, und der Konzertkampf ging klar nach Punkten an die Band. Die Hardcore-Crossover-Instanz aus Brooklyn ließ hartes Schlagzeug und Gitarrenriffs von wütendem Gesang tragen – die Menge unterwarf sich willig. Und dann kamen P.O.D. Mit „Boom“ von 2001 krachten die Kalifornier auf die Bühne und machten sofort klar, wem sie gehört. Paul „Sonny“ Sandoval ist seit 1992 unterwegs und immer noch ein Energiebündel. Der Bühnenboden bekam mit dem Mikrokabel sein Fett weg, das Beatles-Cover „Don’t Let Me Down“ bewies, dass beides zusammengeht, und irgendwann übernahm das Infield mit einem endlos scheinenden Olé-Chor. Von der Wall of Death bis zum Circle Pit war alles dabei. Zum Ende wiegte sich ein Meer aus Händen, „Youth of the Nation“ und „Alive“ setzten den Schlusspunkt. Beste Band des Tages, ohne Diskussion.
Subway to Sally begrüßten die Menge anschließend auf dem schönsten Festival Deutschlands – und lieferten die gewohnte Tanzgarantie. Bei „Eisblumen“ gab es Double-Crowdsurfing und einen Wahnsinnschor, „Kleid aus Rosen“ ließ endgültig kein Bein still. Mit „Todgesagte leben länger“ vom letzten Album haben sich die Potsdamer selbst einen Tritt verpasst und wirken seitdem hellwach. Nach über drei Jahrzehnten Bandgeschichte durfte natürlich ein Medley nicht fehlen: „Sag dem Teufel“, „Ohne Liebe“ und „Tanz auf dem Vulkan“ in Kurzfassung, samt Einladung zum Songraten. Danach der „Veitstanz“ – und eine kurze Pause, die der Kultsong offenbar auch der Band abverlangte. Erholt kamen sie mit „Grausame Schwester“ zurück, mit „Julia und die Räuber“ wurde der Sturm endgültig davongejagt.
Den Abschluss machten Airbourne, und die lockten wirklich jeden aus dem Zelt. Das Infield war knüppeldickevoll, der schnörkellose Rock’n’Roll der Australier ließ auch keine andere Option. Joel O’Keeffe tobte mit der Leadgitarre derart über die Bühne, dass Frieren beim besten Willen keine Option war, gönnte sich sein obligatorisches Bierbad mit der Menge und ließ zwischendurch immer wieder die Sirenen laufen. Was für eine Stimme, was für eine Show. Danach gehörte die Nacht Kreator – allerdings ohne Bilder von uns: Fotografieren war erst ab dem zwölften Song erlaubt, da hatte die Kamera längst Feierabend.
Samstag: Großes Finale zwischen Trollen, Königinnen und Feuer
Der letzte Tag begann mit einer Überraschung. Pinhead, das dunkle Projekt von Multiinstrumentalist Ilja John Lappin, sonst Bassist und Sänger bei The Hirsch Effekt, eröffnete den Samstag mit sphärischen Klangflächen, harten Gitarren und einer Stimme, die an den richtigen Stellen kräftig growlt. Man wird auf eine Reise mitgenommen und regelrecht angesogen. Zum Abschluss gab es „Lament Box“, die Single zum kommenden Album „Beauty In Pain“ – entstanden übrigens gemeinsam mit Johnny von Soulbound, die drei Tage zuvor am selben Ort gespielt hatten. Im November geht es damit auf Tour. Sehr hörenswert, gern mehr davon.
Drone machten erst einmal Werbung für den Käsedöner-Stand. Kein Wunder: Sänger Moritz „Mutz“ Hempel ist beim Rockharz Stage Manager und hat vermutlich schon einige verdrückt. Danach ging die Thrash-Groove-Truppe aus Celle mit einer Energie ab, für die das Infield sie liebte. Der Circle Pit ließ nicht auf sich warten. Bei „Blood Red Sun“ bewiesen sie, dass sie zwischen allem Pöbeln auch astrein performen können. Dürfen gern wiederkommen.
Dann der Stilbruch: Tailgunner brachten klassischen Heavy Metal von der Insel mit. Lange Haare, enge Hosen, Leder – für eine halbe Stunde war es wieder 1985. Herrlich. Necrotted übernahmen danach die Bühne, bevor Tungsten zeigten, wie ein Familienprojekt funktioniert. Anders Johansson, der früher bei Hammerfall die Drums bearbeitet hat, steht hier mit seinen beiden Söhnen auf der Bühne. Frontmann Mike setzt statt auf Haarpracht auf Stimmgewalt, während Gitarrist Karl den tiefen Growl beisteuert. „Bite My Tongue“ und „Lullaby“ zeigten, wie gut Symphonic und Power Metal zusammengehen.
Crypta krachten anschließend auf die Bühne. Fernanda Lira ließ mit Bass und Gesang das Gerüst wackeln, ihr Growl saß, und die Brasilianerinnen spielten vor allem großartig zusammen. Artillery antworteten mit massivem Thrash aus Dänemark: technisch anspruchsvoll, traditionell, mit geradlinig treibenden Riffs. Die wissen genau, was sie tun. Majestica aus Schweden lieferten danach solide ab – schnell, klar, mit glasklarem Cleangesang. Kein Song steht besser für ihre symphonische Seite als die Achtziger-Hommage „Night Call Girl“.
Für Annisokay war es fast ein Heimspiel, das Quartett kommt aus dem nur eine Stunde entfernten Halle. „Calamity“ ging so ab, dass die Gesichtshaare bebten, und bei „STFU“ hielt es Shouter Rudi Schwarzer nicht mehr auf der Bühne – er ging in der Menge baden. Danach gab es was auf die Langohren: Finntroll vertrieben den Regen, Gitarren und Schlagzeug gaben den rasenden Polka-Takt vor, und das Infield hätte sich am liebsten selbst in Trolle verwandelt. Sogar Crypta hielt es dabei nicht im Backstage. Unverwechselbar. Danko Jones nahmen anschließend Tempo raus und rockten mit eingängigem Hardrock samt Punk-Schlagseite.
Dann kam die Königin. Doro sprengte das Infield, selbst der Graben war knüppeldickevoll. Mit „Earthshaker Rock“ und ordentlich Feuer begrüßte die Düsseldorferin ihr Volk, und die Freude über das Bild vor ihr stand ihr durchgehend ins Gesicht geschrieben. Es folgte kräftiger Oldschool-Metal mit „Burning the Witches“ und „Raise Your Fist“, zu „Warriors of the Sea“ wurde die Doro-Flagge gehisst. Mit „Für immer“ gab es eine ruhigere Passage, bevor es mit „Fire in the Sky“ weiterging. „All We Are“ durfte natürlich nicht fehlen, und der Rockharz-Chor machte daraus einen der Momente des Wochenendes. Doro bedankte sich bei allen. Man merkt ihr an, wie sehr sie liebt, was sie tut.
Knorkator machten danach das, was nur Knorkator machen. Nach dem Intro ging das Hoppsen los, Double-Crowdsurfing wurde in beinahe perfekter Ausführung praktiziert. Stumpen bat zunächst die Fotografen nach oben, teilte zur Begrüßung ein paar Kopfnüsse aus, gewährte dann ein Foto und komplimentierte alle wieder von der Bühne. Derweil bekam das Publikum Bälle zur körperlichen Ertüchtigung. Zwischendurch wurde es kurz ernst: Stumpen huldigte der ersten Rockharz-Ehe. Veranstalter Buddy hatte Dani im Vorjahr auf offener Bühne einen Antrag gemacht, inzwischen sind die beiden verheiratet. Danach ging es „Böse“ weiter. Nach „Alter Mann“ folgte die feierliche Übergabe an die nächste Generation, und zum Abschied hieß es „Zähneputzen, pullern und ab ins Bett“ – mit sämtlichen Kids aus der ersten Reihe auf der Bühne.
Das Kontrastprogramm folgte auf dem Fuß. Emperor schoben die gute Laune gnadenlos weg und legten eine schwarze Wolke aus symphonischem Black Metal über das Gelände. Erst kündigen herrliche Melodien das Unheil an, dann übernehmen rasende Drums und scharfe Gitarren, während Vegard „Ihsahn“ Tveitan düster und mystisch darüber singt. Danach kam die traditionelle Ansprache: Die gesamte Rockharz-Crew stand auf der Bühne, nach vorn geholt wurde Mike, der erste Mitarbeiter des Festivals und durch die Hochzeit inzwischen auch Schwager, der sein zehnjähriges Jubiläum feierte.
Den Schlusspunkt der Partynacht setzten Feuerschwanz. Die Erlanger begrüßten ihren Pöbel mit Dudelsack, Geigen und jeder Menge Feuer zum Spectaculum. Mit „Untot im Drachenboot“ ging es durch die letzte Rockharz-Nacht, von „Knightclub“ über „Memento Mori“ bis „Dragostea din tei“ war alles dabei, was zu einem feuchtfröhlichen Gelage gehört. Bei „Name der Rose“ verwandelte sich das Infield in ein Meer aus Handylichtern, und spätestens als Doro bei „Valhalla“ noch einmal die Bühne betrat, war es um alle geschehen. Gänsehaut. Den allerletzten Slot übernahmen danach Soen, bevor der Platz endgültig zur Ruhe kam.
Fazit: Rockharz 2026 hat wieder geliefert
Vier Tage, zwei Bühnen, unzählige Gänsehautmomente: Das Rockharz bleibt ein Festival, bei dem Organisation, Atmosphäre und Line-up einfach zusammenpassen. Das Publikum feierte friedlich und ausdauernd, die Crews hielten den Laden souverän am Laufen. Vier Tage lang wirkte alles wie aus einem Guss – genau das macht dieses Festival seit Jahren aus.
Dass das Rockharz weit mehr ist als Musik, zeigte sich auch abseits der Bühnen. Seit 2025 ist das Festival offizielle Außenstelle des Standesamtes Ballenstedt – und auch 2026 gaben sich wieder Paare auf dem Vorplatz das Ja-Wort, mit Blick auf die Teufelsmauer. Alle acht Trauungstermine waren restlos ausgebucht. Das härteste Standesamt Deutschlands eben.
Vorbildlich auch beim Thema Inklusion: Die Kompass App, im Vorjahr erstmals erfolgreich getestet, führt Menschen mit Sehbehinderung per Turn-by-Turn-Navigation zu allen wichtigen Punkten auf dem Gelände. Dazu liefert sie Running Order, Autogrammstunden und Speisekarten samt Preisen – nutzbar für alle Gäste.
Und dann wäre da noch Glück in Dosen: Seit 2013 sammeln ehrenamtliche Helfer auf dem Gelände das Pfandleergut der Besucher und spenden den Erlös an soziale Projekte in der Harzregion. Über 1,7 Millionen Dosen und knapp 450.000 Euro sind so bereits zusammengekommen – allein 2025 waren es rekordverdächtige 105.000 Euro. Wer seine leeren Dosen abgibt, tut also ganz nebenbei etwas Gutes.
Ein großes Dankeschön an den Veranstalter, alle Helfer und die Bands – wir kommen wieder. Ein paar Eindrücke abseits der Bühnen gibt es in den Galerien obendrauf. Viel Spaß mit den Bildern!
